Chapter 1Der Feierabend
Der Scanner piept, das rote Licht glänzt auf der Barcodefolie. Anna lässt das Produkt über die Glasfläche gleiten, und das Display springt auf achtzehn Uhr zweiundvierzig. Die letzte halbe Stunde. Hinter ihr stapeln sich Pfandflaschen, die Kunden wie Zitadellen an der Kasse aufgetürmt haben. Sie hasst den Geruch von abgestandenem Bier und süßem Cola-Rest, der aus den Öffnungen steigt. „Was? Das ist aber teuer“, sagt eine ältere Frau und hält ihr einen Joghurtbecher hin. „Wir haben den Preis erst heute geändert“, antwortet Anna, ohne aufzusehen. Sie kennt dieses Spiel. Die Frau seufzt, legt den Becher aufs Laufband, nimmt ihn wieder weg. Anna wartet. „Und Sie wissen nicht, warum?“ „Nein, Frau …“ – Anna wirft einen Blick auf den Ausweis in der geöffneten Handtasche – „Frau Krüger. Die Preise werden von der Zentrale eingestellt. Da können wir nichts machen.“ Die Frau brummt, aber sie lässt den Becher liegen. Anna scannt ihn und legt ihn in einen Plastikbeutel. Der Beutel kostet zehn Cent. Die Frau bezahlt mit einem zerknitterten Fünfzig-Euro-Schein, und Anna muss den echten in die Kasse legen, weil die Maschine den alten Schein nicht annimmt. Als die Frau geht, kommt Lena, die junge Kollegin mit dem silbernen Piercing in der Nase, vorbei. „Hast du den neuen Anschlag im Pausenraum gesehen? Wir sollen ab nächster Woche samstags bis zweiundzwanzig Uhr arbeiten.“ Anna zieht die Schultern hoch. „Ich hab schon am Samstag Dienst.“ „Nein, bis zweiundzwanzig. Und sie wollen ein Wettbewerbssystem einführen – wer am meisten scannt, bekommt einen Bonus. Die anderen werden zusammengestrichen.“ „Wann soll das beschlossen worden sein?“ „Der Filialleiter hat es in der Morgenbesprechung gesagt. Du warst ja wieder mal zu spät.“ Anna schaut auf ihre Hände. Sie trägt keine Ringe, aber die Haut an den Fingergelenken ist trocken vom ständigen Desinfizieren. Sie sagt: „Ich war nicht zu spät. Ich war um Punkt sechs am Eingang.“ Lena lacht kurz. „Na ja, dann warst du eben unsichtbar.“ Sie schlendert weiter zu ihrer Kasse, die schon wieder von einer Schlange umlagert ist. Anna bleibt stehen. Sie sieht die Reihen der Schokoriegel, die kleinen bunt verpackten Welten, die darauf warten, berührt und gescannt zu werden. Und plötzlich hat sie ein Bild vor Augen: irgendwo auf der Welt, vielleicht in einer Halle ohne Fenster, packen Frauen wie sie Schokoriegel in Kartons. Die Wärme ihrer Finger dringt durch die Verpackung, ungesehen, ungezählt. Sie will mehr wissen. Aber das Band hat schon den nächsten Kunden geliefert, einen Mann mit einem Kind auf dem Arm. Der Junge weint, der Mann sucht in seiner Jackentasche nach Münzen. Anna scannt weiter. Ein Produkt nach dem anderen. Linie, Barcode, Piep. Als sie um neun die Kasse schließt, ist der Laden leer. Die Gänge sind gefegt, die Neonröhren summen leise. Anna zieht ihren Mantel an. An der Tür dreht sie sich noch einmal um. Das Licht fällt auf die leeren Regale, die bald wieder gefüllt werden, von einem Lieferwagen, der nachts durch die Stadt fährt. Sie gehört zu diesem Kreislauf, aber sie hat nie gefragt, wer den Wagen fährt, wer die Waren pflückt, wer den Joghurt aus dem Becher isst, nachdem das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist. Sie tritt auf die Straße. Die Stadt ist laut, die Fassaden glitzern. Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?