Chapter 1Die Bedingung des Ministers
Der Nachmittag zog sich ins Unendliche, während Humboldt in der stickigen Vorhalle des Palastes von Aranjuez auf und ab schritt. Jedes Mal, wenn seine Schritte auf dem Marmor widerhallten, fuhr sein Gefährte Aimé Bonpland zusammen, der zusammengesunken auf einer gepolsterten Bank saß und die Wartenden beobachtete. „Ich halte das nicht mehr aus“, brummte Bonpland und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Seit drei Tagen lassen sie uns warten. Vielleicht hat dich der Minister längst vergessen.“ Humboldt blieb stehen und zog sein Barometer aus dem Lederfutteral – ein vertrautes Ritual, das ihm half, seine Ungeduld zu zügeln. „Nein, Aimé. Er vergisst nicht. Er will mich zermürben, genau wie er es mit allen Bittstellern tut. Aber ich habe einen Plan.“ Bevor er ihn erklären konnte, öffnete sich die hohe Flügeltür. Ein Sekretär in steifem Kragen winkte ihnen schweigend. Humboldt steckte das Barometer weg, legte eine Hand auf Bonplands Schulter und ging dem Mann durch einen langen Gang entgegen, an dessen Wänden Landkarten hingen, die von fernen Küsten erzählten. Das Kabinett des Ministers war überladen mit Büchern und Globen. Don Manuel de Lardizábal stand hinter einem mächtigen Schreibtisch, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Er musterte die Besucher mit undurchdringlichem Gesicht. „Herr von Humboldt“, begann er, ohne eine Begrüßung anzubieten. „Sie kommen aus Preußen. Sie reden von Vulkanen, Strömungen und Südsee-Pflanzen. Warum sollte Seine Majestät einem Ausländer gestatten, unsere Kolonien zu bereisen? Was versprechen Sie sich davon?“ Humboldts Blick schweifte kurz zu einem aufgeschlagenen Atlas. „Ich verspreche mir nicht, Herr Minister, ich verspreche Ihnen. Der Ertrag meiner Messungen – die Höhenprofile der Anden, die Zugrichtungen der Meeresströmungen, die Beschaffenheit der Böden – all das werde ich der Krone von Spanien zur Verfügung stellen. Mein Ruhm soll Ihr Reichtum sein.“ Der Minister lächelte dünn. „Reichtum, sagen Sie. Wir brauchen keine neuen Karten, wir brauchen Gold. Oder haben Sie auch den für mich dabei?“ Bonpland räusperte sich verlegen, doch Humboldt ließ sich nicht einschüchtern. „Gold finden Sie in meinen Aufzeichnungen nicht. Aber ich weiß, wo in Ihren Flussbetten die Sedimente bestimmte Minerale führen. Ich habe die Berichte Ihrer eigenen Geologen gelesen. Mit meinen chemischen Methoden könnte ich Ihnen helfen, das herauszufiltern – wenn ich erst einmal vor Ort bin.“ Der Minister legte die Fingerspitzen zusammen. „Ein schlauer Mann. Also wollen Sie einen Handel vorschlagen.“ Er schob ein versiegeltes Paket über den Schreibtisch. „Ich habe eine Bedingung. Sie nehmen diese Korrespondenz an den Gouverneur von Caracas. Sie unterhalten sich mit ihm, hören sich an, was er über die Unruhen in den Provinzen zu sagen hat – und Sie schreiben mir, was Sie sehen. Auf eigene Faust, versteht sich. Ein gelehrter Deutscher fällt weniger auf als meine Spione. Tun Sie das, erhalten Sie das Dokument hier.“ Humboldt starrte auf das Siegel. Spionieren. Das Wort klebte ihm wie Pech an den Fingern. Er wollte Wissenschaft, nicht Politik. Aber die Anden – die Vergissmeinnicht blauer Gletscher, die er nur aus Büchern kannte – das ungeheure Geheimnis der Natur, das ihm in Europa verschlossen blieb. Er hörte Bonpland hinter sich leise einatmen. „Ich brauche Ihre Antwort“, sagte der Minister. „Heute." Humboldt ergriff das Paket, ohne zu zögern. „Ich reise morgen.“ Sein Lächeln kam mühevoll, als er sich verbeugte. Draußen auf dem Gang blieb er stehen und wollte das Siegel aufbrechen, dann ließ er es doch. Er spürte das Gewicht seines Barometers im Futteral – und ein anderes, unsichtbares Gewicht auf seiner Seele, das schwerer wog als jede Messingkapsel.